Text und Bilder von Josefine Beckmann:

Zwischen Waschmaschine und West Broadway - mein Leben in New York City

Jedes Mal, wenn ich aus der Grand Central Station trete, ziehen mich die Bewegung der Straße und die Hochhäuser in ihren Bann. Meistens stehe ich dann da wie ein kleines Kind, schaue mit großen Augen hoch und versuche den Himmel zu erspähen. Ich muss immer kurz innehalten, durchatmen und kann dann erst weitergehen. An der Grand Central lande ich, wenn ich, aus der kleinen Vorstadt in der ich hier lebe, in "die Stadt die niemals schläft", fahren möchte.
Ich lebe in Pelham, ein wunderschöner Ort (fast so schön wie Crossen ;-) ) mit ungefähr 11.000 Einwohnern. Die meisten Leute kennen sich untereinander, es gibt ein kleines Kino, zwei riesige Schulen, einen Supermarkt in den beinahe jeder einkaufen geht, eine ganze Reihe von Tankstellen und eine Geschäftsstraße, die 5th Avenue.
Ich wohne bei einer fünfköpfigen Familie und kümmere mich um deren Kinder. Dort arbeite ich eigentlich nur nachmittags: wasche Unmengen an Wäsche, helfe den Kids bei ihren Hausaufgaben, fahre sie zu ihren verschiedenen Aktivitäten und mache ihnen Abendessen. Ansonsten helfe ich bei kleinen Hausarbeiten, kaufe für die Familie ein und manchmal muss ich auch Kinderzimmer aufräumen. Abends treffe ich mich mit anderen Au Pairs, von denen es hier in der Umgebung eine ganze Menge gibt, um den Tag auszuwerten und die neuesten Geschichten vom Wochenende zu erzählen. Denn da müssen die Meisten von uns nicht arbeiten und dann genießen wir vor allem die Nähe zur Hauptstadt der Welt, die wir mit dem Zug in exakt 32 Minuten erreichen.

Die Liebe zu New York entdecken die Meisten, die sie lieben, erst auf den zweiten Blick. Bei mir war es schon der Erste. Nachdem ich als Kleinkind den Stadtteil Brooklyn und die alten Backsteinhäuser durch die Bill Cosby Show kannte und dann all die Filme sah, in denen der Big Apple vorkam, wusste ich: Ich will nach New York City. Meine Eltern entgegneten mir dann jahrelang immer wieder den gleichen Spruch: "Du kommst doch noch nicht mal bis an den Crossener Bahnhof." (Bei meinen ersten Klassenfahrten und einigen folgenden rebellierte ich jedes Mal unter Tränen dagegen, in den Bus zu steigen)
Kurz nach meinem 18. Geburtstag packte es mich dann und in einer nächtlichen Session vor meinem Laptop schickte ich ganz spontan die Kurzbewerbung an das American Institute of Foreign Study - kurz: AIFS. Nun bin ich schon seit 6 Monaten sehr viel weiter weg als der Crossener Bahnhof von unserem Haus und habe viel gesehen, erlebt und dazu gelernt.
Da war zum einen meine erste Sightseeing Tour durch NYC mit 100 anderen AuPairs, die gerade ganz frisch in Amerika waren, bei der ich zuerst dachte: ‚Das ist es jetzt also...', aber spätestens auf dem "Top of the Rock", der Aussichtsplattform des Rockefeller Centers, ‚Ich will hier nie mehr weg'.
Dann mein Urlaub mit meiner Freundin von Zuhause, Catherine, in Kalifornien. Bei dem ich nach 3 Wochen USA, alleine, in einer absoluten Absteige, im durchgeknalltesten und schlimmsten Viertel von San Francisco untergebracht war. Und die Gefängnisinsel Alcatraz, die Cable Cars und das Peer 39 sah, mit dem Fahrrad über die Golden Gate Bridge fuhr und die kalifornische Sonne in Santa Cruz genoß.

Nach fast 2 Monaten traf ich George Clooney bei einem Filmdreh in unserer Nachbarstadt, nach 3 Monaten Tom Cruise bei einer Filmpremiere direkt hier im Pelham Picture House, dem örtlichen Kino, das 2 Straßen von unserem Haus entfernt auf der Wolfs Lane ist.
Beim New York Marathon habe ich die Läufer angefeuert und bei der Steubbenparade das Gefühl genossen eine von den vielen Deutschen in New York zu sein. Meinen 20. Geburtstag feierte ich um Mitternacht auf dem Empire State Building und war mit meiner Gastfamilie beim Mexikaner essen und auch meiner Schwester habe ich mein neues (einjähriges) Leben schon gezeigt, wollte ihr beweisen wie gut ich mich hier auskenne und habe sie dann halbstündlich in die falsche Richtung geführt.
Für mich ist New York einfach fantastisch und hat alles, was man sich von einer Weltmetropole wünscht: ganze Straßenzüge zum Shoppen; Parks, die zum Entspannen und Verweilen einladen, wobei der Central Park wohl der größte, aber nicht der einzige ist; großartige Museen; Kunstgalerien mit den Bildern, die uns in der Schule gezeigt wurden; kulturelle Events mit den Virtuosen der Welt und natürlich die Architektur, die Wolkenkratzer, die New Yorks Skyline formen und für die die Stadt ja weltweit bekannt ist.
Es ist wohl der einzige Ort in den USA an dem Menschen wirklich laufen, schnell laufen, schneller als ich es jemals zuvor in meinem Leben gesehen habe. Und so bewegt sich auch die Stadt: schnell, schneller, am schnellsten.
Schon nach einer Woche wurde mir prophezeit, dass meine Füße nach diesem Jahr nie wieder dieselben sein werden, die sie waren bevor sie diese Stadt betreten haben und ich kann jetzt schon sagen: Es sind nicht nur meine Füße.